Inhaltsangabe zu

Ich, Johannes der V.

von Tauchmaske

Johannes, ein Buchhändler aus den Alpen,hätte nicht zu träumen gewagt, dass da noch mehr ist. Gespürt hat er es schon seit geraumer Zeit, aber gewußt. Johannes´ Leben wird eine Reise.

Eine Reise in seine eigene Vergangenheit und in die Zukunft unseres Menschseins. Er stellt fest, dass es viel mehr gibt, als unsere Bildung uns weismachen möchte. Die Geheimgesellschaft der „Wise Women“ tritt in sein Leben und eröffnet ihm eine völlig neue Sichtweise auf die Dinge und schafft neue Horizonte. Eine Reise beginnt, die die Grenzen des Vorstellbaren überwindet und uns alle in eine neue Zukunft führen wird.

Die Ära der Mächtigen Wirtschaftskapitäne und Religionsführer neigt sich dem Ende zu ! . er sah das es gut war, und dabei lächelte er. Eine Geschichte für die ganze Familie, eine Geschichte ohne Sex und Gewalt, eine Geschichte von Freundschaft und Vertrauen, eine Geschichte von der man noch viel mehr lesen möchte.

Endlich.
Der Tag des Treffens mit den weisen Weibern ist endlich da.
Die letzten Tage habe ich mit alltäglichen Erledigungen verbracht, auch um einmal Abstand von den Dingen zu bekommen. Ich machte meine Sommer-Spielzeuge, die Motorräder und das Kanu winterfest, bei dieser Gelegenheit räumte ich auch gleich wieder einmal die Garage zusammen.
Es ist eigentlich unglaublich, was sich in einem halben Jahr so alles ansammelt.
Fahrräder samt deren Utensilien, ein altes Waffenrad, dass ich auf einem Flohmarkt erstanden habe und unbedingt haben musste, diverse Säcke mit Altpapier und Altkleider vom Sommerputz,
leere Schachteln mit diversen Verpackungsmaterialien und ein altes Kästchen, wobei ich nicht einmal mehr weiß, woher ich dieses habe.
Gestern kam Guggi vorbei und sagte mir, ich bin zum Treffen zugelassen.
Voller Vorfreude öffnete ich eine gute Flasche Rotwein aus dem Burgenland und wir plauderten bis spät am Abend über ihren Verein. Wobei Guggi jedoch sagte, ich solle das Wort Verein vergessen,
und stattdessen das Wort Kreis verwenden.
Auch warnte sie mich. Es sind in allen Kreisen überall auf der Welt auch durchaus bekannte Frauen dabei, und auch sehr viele von bekannten erfolgreichen Männern.
„Wobei man sich natürlich jetzt fragen könnte warum Ihre Männer so erfolgreich sind?“
lachte Guggi. „Na ist doch so,“ sagte ich, „hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke, erfolgreiche Frau:“ Guggi zog Ihre Augenbrauen hoch, legte den Kopf zur Seite, schaute mir in die Augen und sagte „Hinter jedem Mann ? Oje, du musst noch so viel lernen.“
Nachdem Guggi gegangen war, dachte ich über Ihre Worte nach.
All die Jahrhunderte waren die Frauen eher so die Menschen zweiter Klasse.
Sie durften sich nicht bilden, durften nicht wählen, nicht Autofahren und mussten die scheinbar unwichtigen Dinge erledigen. Kochen, Putzen, Waschen, Kinder großziehen.
Irgendwie eigenartig, Frauen ertrugen all das mit einer kollektiven Demut vor dem Herrn der Schöpfung. In Indien und China ist es leider auch heute noch fast eine Katastrophe, wenn man Eltern eines Mädchens wird und nicht eines Jungens.
Es ist pervers. Wir sprechen über ethisch richtige Tierhaltung, sind gegen Pelzzucht, und gegen
Nationalismus und Rassismus sowieso, aber wir nehmen unsere eigenen Frauen nicht für voll.
Meiner Meinung nach haben wir Männer tief in unseren Inneren erkannt, dass Frauen eigentlich die besseren Menschen sind und vor lauter Angst, unsere Führungsposition zu verlieren und in der zweiten Reihe zu verschwinden, denunzieren wir sie wo wir können, und fürchten uns vor starken Frauen.
Ich kenne keinen erfolgreichen Mann, der nicht auch eine starke Frau an seiner Seite hat.
Und alle sagen einhellig das Gleiche, „Meine Frau ist auch meine Partnerin, wir unterstützen und helfen uns gegenseitig.“
Wenn man die erfolgreichen Männer der Geschichte durchleuchtet, wird man feststellen, sie hatten alle mindestens gleich starke Frauen als Partner an ihrer Seite. Natürlich nicht in Ihrem spezifischen
wissenschaftlichen oder politischen Bereich, aber auf ihrer privaten Seite.
Jetzt weiß ich auch, wie Guggi es gemeint hat.
Nicht „hinter“ einem erfolgreichen Mann, nein „daneben“ muss es heißen.
Das 21. Jahrhundert sollte das Jahrhundert der Frauen werden, aber irgendwie stockt es, und ich habe das Gefühl, dass die Welt mehr denn je auseinanderdriftet.
Während in den sogenannten Industrieländern die Frauen scheinbar langsam in Richtung Gleichberechtigung unterwegs sind, passiert in vielen anderen Ländern genau eine Gegenbewegung.
Deshalb bin ich schon mächtig gespannt, was mich heute Abend erwartet.
Endlich, kurz nach Mittag taucht Guggi bei mir auf und fragt mich, ob ich bereit sei für „weise Weiber“.
„Sehr witzig, natürlich!“, ist meine Antwort und 10 Minuten später sitzen wir schon in meinem Landy
und zockeln nach Wien.
Die Fahrt ist angenehm entspannt und wir tratschen eher über Belanglosigkeiten.
Kurz vor 18 Uhr sind wir vor Ort. Ein typischer 80er Jahre Bau. Kongresszentrum mit dem Hang zur Hässlichkeit, fällt mir dazu ein. Ein flacher, geradliniger Bau mit den damals typischen Eternitplattenverkleidungen in hellem Grau, welche unten schon leicht angemoost sind. 2
Große, verglaste Fassaden mit aluminiumfärbigen Profilen eingefasst.
An der rechten Seite ein Anbau mit ebenfalls einem Flachdach, sozusagen der Bettentrakt.
„Wow, sehr spirituell“ murmele ich, als wir zum Haupteingang schlendern. Guggi schaut mich von
unten an, grinst und sagt: „Warte es ab, die Fassade kann einen täuschen, das ist ähnlich wie bei Menschen, oder?!“
Womit sie wieder einmal recht hat, denn was von außen wie eben ein nüchternes Kongresszentrum der achtziger Jahre ausgesehen hat, entpuppt sich als unglaublich liebevoll und gemütlich eingerichtetes und charmant geführtes Familienhotel.
Es ist, als betrete man eine völlig andere Welt. Von außen kalt und lieblos, innen jedoch warm und gemütlich und man fühlt sich richtig willkommen.
Im Foyer ist ein kleiner plätschernder Brunnen platziert, Blumen schmücken jedes Tischchen, welche von außerordentlich gemütlich aussehenden Sofas umgeben sind. Und was noch zum Wohlfühlgefühl beiträgt, ist der leichte Vanillegeruch in der Luft. Ich fühle mich von der ersten Sekunde an willkommen.
Die Rezeptionistin ist so was von freundlich aussehend und strahlend, dass ich mir denke, ich bin in einem Film. Als wir vor ihrer Theke die Koffer abstellen, sagt sie: „Einen herzlichen, wunderschönen Tag wünsche ich Ihnen, ich bin Christine und freue mich, dass ich sie als unsere Gäste willkommen heißen darf.“ Das eigenartige ist, dass sie uns das Gefühl gibt, nur auf uns gewartet zu haben und sich wirklich freut, uns zu sehen. Mit Ihrer zierlichen Gestalt, ihren schulterlangen blonden Haaren und ihrer hellen Stimme hat sie mich schon verzaubert.
Guggi sagt: „Hallo Christine, wie geht’s dir?“
„Mir geht’s wunderbar. Weißt du, ich habe mein Hobby jetzt noch mehr intensiviert und halte auch schon Kurse ab. Und ich freue mich wahnsinnig, dass sich der Kreis dieses Mal bei mir trifft.“
Ich stehe stumm daneben und beobachte, wie Guggi und Christine sich erzählen, was so alles seit dem letzten Treffen geschehen ist.
Aha, denke ich mir, das Hotel oder Kongresszentrum gehört also Christine.
Nach dem Erhalt der Zimmerschlüssel beziehen wir die Zimmer und ich werde ein zweites Mal überrascht. Die Zimmer sind winzig und was mir normalerweise ein beklemmendes Gefühl gibt, ist dieses mal genau umgekehrt. Ich fühlte mich unglaublich wohl.
Das Zimmer ist außerordentlich liebevoll eingerichtet. Die Wände sind in einem sonnigen gelb gehalten, der kleine Tisch mit dem Sessel davor ist so putzig, dass ich mich nicht getraute, darauf zu sitzen, aus Angst den Sessel zu zerbröseln. Auf dem Tisch steht eine kleine Blumenvase mit frischen kleinen „margaritenähnlichen“ Blümchen. Das Bett ist zwar ein Einzelbett, aber mit einer Breite von zirka 140 cm überbreit, was mir sehr recht ist.
Als ich die erdfarbenen, mit der Wandfarbe abgestimmten Vorhänge zur Seite ziehe, blicke ich in den
prachtvollen Garten mit mächtigen alten Laubbäumen, die in den Farben des Herbstes leuchten.
Die untergehende Sonne tut Ihr übriges dazu, den ganzen Garten in ein zauberhaftes honiggelbes Licht zu tauchen. Ich fühle mich pudelwohl.
Nachdem ich meine Unterlagen vorbereitet habe, ich habe Ausdrucke vom Voynich-Manuskript und vergrößerte Fotos meines Yggdrasil Bildes mit, gehe ich in den Park, um ihn mir aus der Nähe anzusehen.
Das Treffen des Kreises ist für 20 Uhr angesetzt und soll in den Besprechungsräumen im Keller abgehalten werden, dort ist auch eine Bar, teilte mir Guggi mit und mit einem Augenzwinkern setzte sie hinzu „falls wir vor lauter Reden durstig werden.“
Ich schlendere durch den Park und denke an meinen Vater und dessen eigenartiges vererbtes Familienerbstück. Wobei sich natürlich die Frage stellt, ob man so zu einem Gendefekt und irrwitzigen Höhlenforsch-Abenteuern sagen kann.
Ich setze mich auf eine Bank, die unter einer mächtigen Trauerweide steht.
Ich mag Trauerweiden. Sie sehen so mächtig und gleichzeitig auch so filigran aus und machen auf mich den Eindruck einer alten weisen Frau.
Aha, ich scheine mich schon geistig auf den Abend einzustellen.
Ich lasse meinen Blick durch den Park schweifen und sehe unweit meiner Position eine blonde Frau
Yogaübungen durchführen. Sie macht Sonnengrüße. Immer wieder. Genau in Richtung der fast schon untergegangenen Sonne.
Als die Sonne hinter dem Hügel gänzlich verschwunden ist, hört sie mit einer tiefen Verbeugung auf.
Respektvoll nicke ich mit dem Kopf, denn abgesehen davon, dass sie die Übungen flüssig und unglaublich harmonisch ausgeführt hat, ist es auch angenehm anzusehen, da diese Frau sehr gut aussieht.
Als sie sich umdreht, erkenne ich, dass sie mindestens 65 Jahre alt ist und ich schäme mich ein bisschen, sie so chauvinistisch beobachtet zu haben.
Sie aber winkt mir zu, wie wenn sie sagen möchte, „mach dir nichts daraus, ich weiß ich sehe aus wie zwanzig“, wirft Ihren Zopf zurück, schnappt Ihre Matte und schwebt anmutig davon. 3
„Na, der Abend kann ja heiter werden“, murmle ich in meinen Bart und stehe auch auf, um zurückzugehen.
Als ich zum Kellerabgang komme, steht da ein Rollup.
„Treffen der internationalen Organisation „the wise women“.
Geschlossene Gesellschaft. Nur für Mitglieder und geladene Gäste.“
„The wise women, die Weisen Weiber“, „wie treffend übersetzt“, sage ich halblaut.
„Aber unheimlich passend, finden wir“, tönt es hinter meinem Rücken mit einer sehr tiefen Damenstimme. Ich drehe mich um, und schaue erstmals richtig blöd aus der Wäsche.
Hinter mir stehen mit Abstand die größten Frauen, die ich jemals in Natura zu sehen bekommen habe.
Ich bin mit meinen 1 m 90 cm nicht gerade klein und schmal, aber vor diesen Ladies sehe ich aus wie ein Jüngling. Beide sind sicherlich an die 2 m10 cm groß und dermaßen kräftig gebaut, dass man richtig Respekt bekommen könnte. Sie sind schlank, aber ihre Schultern und Arme sehen aus wie von chinesischen Schwimmerinnen. Wäre da nicht ihre sanfte Ausstrahlung und ihr gewinnendes Lächeln.
Das müssen die beiden Schwestern Freya und Gullveig sein.
Freya hat pechschwarzes gekräuseltes Haar, das richtiggehend ihre Schultern bedeckt. Ihre Schwester Gullveig hat strahlend blonde Haare, die glatt und glänzend zu einem geflochtenen Zopf gebunden ist.
„Johannes“ bringe ich stockend hervor und strecke die Hand vor.
Beide ergreifen die Hand mit einem Lächeln, drücken sie überraschend sanft und stellen sich überflüssigerweise vor. Dabei sagen sie „Das haben wir uns gedacht. Du bist der Begleiter von Guggi und unser heutiger Gast.“
Die zwei sehen wirklich wie nordische Göttinnen, besser noch wie Walküren aus. Sie sind auch danach gekleidet.
Beide haben ein bodenlanges Kleid an, welches in der Mitte mit einer goldenen Kette tailliert ist.
Die Säume der Ärmel und des Halsausschnittes sind mit einer kunstvoll bestickten Bordüre abgefasst.
Ich bin überwältigt, nicht nur von ihrer Größe, sondern auch von ihrer Ausstrahlung.
Beide scheinen vom Alter her so um die 40 Jahre alt zu sein, strahlen aber dennoch eine Weisheit und Zufriedenheit aus, wie ich sie noch nie erlebt habe.
„Gut, gehen wir los und begrüßen die Anderen, ich bin schon neugierig was du uns erzählen wirst“ sagt Freya. Und gemeinsam steigen wir die Treppe in den Keller hinab.
Überraschenderweise ist der Keller nicht in schummriges Kerzenlicht getaucht und mit dunklen Stoffbahnen dekoriert und auch keine schwarzen Katzen und Hexenkessel kann ich erspähen.
Es ist unheimlich gemütlich eingerichtet, eher wie eine Kellerbar in einem Wohnzimmer der 50-er Jahre integriert. Stilmöbel mischen sich mit gemütlichen Couches.
Guggi hat mir erklärt, dass es keine Sprecher oder Obfrauen gibt, kein Startsignal für den Abend, kein Prozedere, sondern es ist einfach nur ein zwangloses Treffen von Gleichgesinnten. Jede kann reden und Theorien oder Ideen diskutieren und sich andere anhören und sich mit ihnen austauschen.
Es gibt natürlich eine Datenbank, auf der man registriert wird, auf dieser scheinen nicht nur die Kontaktdaten und das Profilbild auf, sondern auch die persönlichen Kenntnisse und Gebiete für die man sich interessiert. Bei ihr war es die Heilmassage und die Energieströme im Körper.
Und ich kann bestätigen, sie ist eine sehr gute Heilmasseurin. Sie findet die Problemzonen von selbst und ohne, dass ich etwas sagen müsste.
Guggi ist auch schon da und redet aufgeregt und lachend mit einer attraktiven Rothaarigen, die wie eine Zigeunerin gekleidet ist.
Überhaupt sind alle Frauen sehr individuell gekleidet. Es sind ungefähr 20 Frauen anwesend.
Ihre Altersspanne reicht von knapp 20 bis weit über 70 Jahre. Die Kleidung reicht von normaler Alltagskleidung über grobe Jutestoffe, wie Guggi sie trägt, über mittelalterliche, lange Kleidern bis hin zum Businesskostüm. Guggi hat mir erklärt, dass es bei jeden dieser Treffen
keine konventionelle Kleiderordnung gibt, jede kann in den Gewändern kommen, in denen sie sich am wohlsten fühlt. Es ist auch schon einmal vorgekommen, das eine Frau völlig nackt, mit den Worten „Ich war vom Beruf ein Modell und musste immer die eigenartigsten und ungemütlichsten Kleider tragen, aber in Wirklichkeit belasteten mich die Kleider und ich fühle mich nackt am wohlsten“ kam. Selbst das war kein Problem, die Heizung wurde einfach etwas hinaufgedreht.
Bei diesem Treffen erzählte mir Guggi, zogen sich viele anderen Frau solidarisch ebenfalls aus.
Sie sah mich, beendete das Gespräch und kam zu mir. „Aha, du hast unsere Walküren bereits kennengelernt.“ Das konnte ich bejahen, ich stehe auch noch unter ziemlich positiven Schock. 4
Mittlerweile haben sich schon mehrere Frauen um mich gescharrt, denn es kommt wohl selten vor, dass jemand einen männlichen Gast mitbringt.
„Also gut, machen wir es uns gemütlich und dann erzähl uns deine Geschichte:“ sagt Freya.
Die Damen holen sich noch Getränke und verteilen sich danach auf den Sitzmöglichkeiten.
„Wir sind schon sehr gespannt, welche Frage du hast und ob wir dir helfen können“, sagt Gullveig.
Sie, ihre Schwester und Guggi haben sich auf einer Couch trapiert, direkt vor mir und einem leeren Ohrensessel, der wohl für mich bestimmt ist.
Ich bleibe stehen, damit mich auch alle gut hören können.
Ich beginne.
Ich erzähle, mit was ich mich beruflich beschäftige und erzähle von meinem Glücksfund in Florenz.
Als ich alle mythologischen Bilder erwähne, habe ich bereits die volle Aufmerksamkeit aller Anwesenden. Als ich von den fluoreszierenden Buchstaben berichte, kann man eine Stecknadel fallen hören. Als ich dann noch die Fotos aus der Umhängetasche ziehe, stehen alle auf und betrachten neugierig die von mir auf dem Kaffeetischchen ausgebreiteten Unterlagen.
Plötzlich reden alle aufgeregt durcheinander und viele Fragen prasseln auf mich ein. Nach 2 Minuten des babylonischen Sprachgewirrs, erklingt die dunkle Stimme von Freya.
„Jetzt beruhigen wir uns alle wieder etwas und jede stellt ihre Fragen, aber bitte der Reihe nach,
sonst könnte Johannes ja meinen, wir wären nichts weiter als ein überdrehter Hühnerhaufen.“
Bei den letzten Wörtern muss ich grinsen, denn dass sind auch die Worte, die mir in den Sinn gekommen sind.
„Von wem stammte der Sekretär, den du gekauft hast, eigentlich ursprünglich?“ wollte eine ältere Dame wissen. „Der Verkäufer in Florenz sagte, der Tisch käme ursprünglich aus Venedig“ antworte ich. „Sind das alle Bilder, die du darin gefunden hast?“will eine Dame wissen.
„Es waren noch römische Schriftrollen darin, aber die habe ich vor langer Zeit verkauft.
Ich denke, es waren Gesetzesrollen, sie waren alle in Latein.“ sage ich.
„Ich glaube, wir sollten uns eher den Buchstaben zuwenden und dem Inhalt der Bilder,
meint Ihr nicht?“ hört man plötzlich Freyas tiefe Stimme über dem Gemurmel.
„Meine Schwester hat recht“ sagt auch Gullveig. Sie war bis jetzt ausnehmend still gewesen.
Ihre Stimme hat einen festen Klang, als wenn sie sich ihre Worte immer genau überlegt und
erst dann spricht, wenn sie sich sicher ist, die passenden Worte zu sagen.
„Johannes, wo sagtest du, hast du die Buchstaben schon einmal gesehen?“ fragt Freya.
Ich schaue auf und während ich mich noch einmal wundere, dass diese zwei Schwestern so groß sind, antwortet eine Stimme aus dem Hintergrund „Es sind die gleichen Buchstaben wie im Voynich- Manuskript“ Alle drehen sich um und sehen, dass hinter Freya und Gullveig Christine steht.
Freya lächelt und sagt: „Natürlich, eigentlich hätten wir nur dich fragen müssen“.
Christine steht etwas beschämt da, und schaut zu Boden. Eine sehr eigenartige Szene.
Christine ist eine sehr kleine und zarte Frau, die fast ein wenig zerbrechlich wirkt und vor ihr stehen Gullveig und Freya, auch Frauen, aber mindestens doppelt so schwer und optisch fast das Dreifache an Volumen. Trotz dem fühlbaren Respekt, der von den beiden ausgeht, der von Christine ist fast greifbar.
Guggi ist an mich herangetreten und flüstert mir zu: „Christine, hat so eine Art fotografisches Gedächtnis. Alles was sie sieht oder jemals gesehen hat, kann sie immer wieder abrufen.“
„Wow, dass ist klasse“ antworte ich, tief beeindruckt. Guggi schaut mich von unten an und sagt:
„Nicht immer, denn sie vergisst auch die bösen und schlechten Momente nicht, die das Leben so bereit hält. Es ist eine Gabe, aber leider auch ein Fluch“
Die Frauen machten Platz und Freya schiebt Christine zärtlich zu dem Kaffeetischchen.
So wie Freya hinter Christine steht und Gullveig neben ihr, wäre genau das ein Bild, wie man sich Schutzengeln vorstellt.
Vorne das kleine blonde, zerbrechliche Mädchen und hinter ihr wie ihre Leibwächter zwei menschgewordene Felsen, die wohl kaum irgendetwas aus der Fassung bringen kann. Christine streicht mit ihren Fingern vorsichtig über die Buchstaben auf den Bildern und sagt nach
einer Weile „Ja, ich bin mir absolut sicher. Diese Buchstaben stammen aus dem Voynich-Manuskript.“
„Sehr gut, dann haben wir deine Theorie so gut wie bestätigt, Johannes.“ sagt Freya.
Ich räuspere mich und sage dann, etwas enttäuscht:“ Ja gut, ehrlich gesagt habe ich mir etwas mehr erwartet.“ Alle um mich herum beginnen nun zu lächeln. „Guggi, wir dachten, du hast Johannes erklärt,wer wir sind und wie es so abläuft ?“ sagt Freya an Guggi gewand. Guggi grinst schief und sagt dann: „Das wollte ich Euch überlassen, es steht mir nicht zu.“
Freya lacht und auch die andern grinsen. An Stelle von Freya ergreift Christine das Wort.
„Nun Johannes, wir sind nicht nur ein Zusammenschluss von esoterisch interessierten und besonders veranlagten Frauen, wir sind grundsätzlich alle einer Meinung.“
„Und die wäre?“ frage ich und habe plötzlich das Gefühl, der einzige Blinde unter Scharfsichtigen zu sein. „Setzen wir uns“ sagt Freya, „das könnte ein bisschen dauern.“ 5
Nachdem wir alle wieder sitzen, beginnt Freya zu erzählen.
„Wie du sicherlich schon weißt, sind wir ein Zusammenschluss von Frauen und zwar weltweit.
So unterschiedlich wir auch sind, es verbindet uns etwas, dass dicker ist als alle Regeln und Normen, Gesetze und Grenzen. Wir sind überzeugt, dass wir nicht alleine sind. Aufgrund unserer vielfältigsten Interessen und Spezialgebiete können wir sagen, es gibt noch viel mehr auf der Welt als uns das Schulwissen vermitteln kann und leider auch vermittelt. Viele von uns haben in den Jahren Kräfte und Fähigkeiten entwickelt, die unglaublich sind.
Wir haben Frauen in unseren Reihen, die sich schon seit vielen Jahren nur von Energie in Form von Sonnenlicht ernähren, sie essen nicht und trinken nicht.
In unserer Gesellschaft sind Frauen, die die Aura eines Menschen sehen können.
Auch sind welche dabei, die die Gabe der Heilung in unterschiedlichsten Ausprägungen erlernt haben.
Energetikerinnen, die dich nur durch Handauflegen von Schmerzen heilen können, Schamaninnen, die im Geiste deinen Körper durchwandern, Strömungsleserinnen, die die verstockten Energieströme im Körper wieder fließen lassen, wie zum Beispiel unsere Herta da hinten.“
Sie zeigt auf eine ältere Frau, die sich mit einem Tee in eine Ecke zurückgezogen hat.
Sie winkt mir freundlich zu.
„Auch Guggi hat eine heilende Gabe, sie spürt Verspannungen und Verknotungen im Haut- und Muskelgewebe, ohne das man ihr es sagen muss und kann die Heilung von Verletzungen beschleunigen, indem sie die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert. Ich nehme an, dass weißt du sicher, oder?“
Ich nicke stumm, und warte auf weitere Erklärungen.
Und Freya fährt fort. „Viele unserer Gaben blieben in den letzten Jahrhunderten ungenützt, größtenteils da Männer, allen voran sämtliche Kirchen dieser Welt, die ja von Männern geleitet werden, Angst vor unseren Fähigkeiten hatten.
Im Mittelalter wurde jede Frau, die sich in der Kräuterkunde auskannte, sofort als Hexe denunziert und von der Inquisition verfolgt, gefoltert und ermordet.
Selbst heute ist es nicht ganz ungefährlich anders zu sein, vor allem als Frau.
Wenn ich an unsere Schwestern in anderen Staaten denke, wo Männer glauben, sie seien das Maß aller Dinge und Frauen behandeln wie den letzten Dreck, werde ich so zornig, dass ich mich beherrschen muss.“
Ich sehe Freya an und muss unwillkürlich schlucken. Ihre Augen sind geweitet, ihr Gesicht ist gerötet, an ihrem Hals treten die Adern hervor und ihre Hände hat sie zu Fäusten geballt.
Gullveig berührt sie sachte an der Schulter, Freya dreht ihr wütend den Kopf zu, sodass ihre schwarze Lockenmähne fliegt. Aber Gullveig lächelt nur und sagt: „Ruhig, ganz ruhig. Es wird sich ändern, du wirst sehen“.
Freyas Ärger ist verflogen, sie dreht sich wieder zu mir, sieht mich an und sagt dann: „Entschuldige den heftigen Gefühlausbruch von mir, aber da habe ich mich in Rage geredet. Ich weiß, du bist anders, das habe ich bereits oben bemerkt, als wir uns getroffen haben. Auch die Männer ändern sich. Es geht nur viel langsamer als bei uns, ihr seit noch nicht soweit.“ Sie grinst und vereinzelt lacht eine der Frauen. Die positive Stimmung ist wieder da.
„Kurz hatte ich das Gefühl, vor einer kriegslustigen Walküre zu stehen, die mir mit Blitz und Donner den Kopf mit einem meterlangen Schwert abschlägt.“ Leider habe ich den letzten Satz nicht gedacht, sondern laut gesagt. Das Lachen verstummt sofort und Freya schaut mich grimmig an und auch Gullveig beugt sich fragend vor. Ich ziehe meine Mundwinkeln nach oben, und zeige mein schönstes Grinsen. „Entschuldige, ist mir so rausgerutscht“.
Freya beugt sich noch weiter nach vor und schlägt mir ganz kumpelhaft auf die Schulter und während ich mir denke „Uhh! Eine Schulterluxation“ schlägt sie sich mit der anderen Hand auf das eigene Knie und sagt prustend: „Wir verstehen uns wunderbar.“ Alle stimmen in das erlösende Lachen ein, ich reibe mir die Schulter und lache mit.
„Wo war ich?“ fragt nach einer Weile Freya.
„Bei den verfolgten Frauen“ sagt Gullveig.
„In Ordnung. Also du weißt nun, jede von uns und wahrscheinlich jede Frau auf dieser Welt hat besondere Gaben und Talente. Ich will gar nicht sagen, dass Ihr Männer die nicht habt, nur meistens schämt ihr euch dafür und versteckt sie tief in euch drinnen.
Aber egal, reden wir über die Frauen der Wise Women. Wie du gemerkt hast, ist Christine ein Mensch mit fotografischem Gedächtnis und kann wie bei einer Datenbank alles, was sie schon jemals gesehen hat, abrufen.
Was du aber brauchst ist jemand der dir sagen kann, warum auf deinen mythologischen Bildern
Voynich-Buchstaben sind und warum sich die Bilder ähneln und wahrscheinlich vom gleichen Künstler stammen. Und die wichtigste Frage: Wozu das Alles?
Aber die Frage die du dir stellen solltest ist, bist du bereit für dieses Wissen? 6
Wird dich das Wissen möglicherweise aus deinem bis jetzt sicher komfortablen Leben reißen?
Wir können dir helfen, aber wie gesagt, die Frage ist, bist du bereit unsere Hilfe anzunehmen?
Das wichtige daran ist, du musst es selber wollen und auch tief in deinem Inneren bereit sein, es zu akzeptieren. Bist du das?“ fragt Freya.
Alle Blicke ruhen auf mir, ich kann es förmlich spüren.
Was könnten sie mir sagen, was möglicherweise mein Weltbild für immer zerstören könnte?
Immer wenn ich was nicht sofort entscheiden konnte oder wollte, nahm ich mir eine Auszeit, so auch dieses Mal. „Gebt mir 15 Minuten, ich muss darüber nachdenken“ sage ich, stehe auf und gehe
aus dem Untergeschoß hinauf in den Garten.
Der ist mittlerweile bis auf die beleuchteten Wege dunkel.
Ich gehe wieder zu der Parkbank, nehme eine Zigarette heraus und zünde sie mir an.
Ich sitze da im Halbdunkel und kann irgendwie keinen klaren Gedanken fassen.
Ich bin leer im Kopf, es sind in der letzten Stunde einfach sehr viele Eindrücke gewesen.
Hinter mir spüre ich mehr eine Bewegung, als ich sie höre.
Ich drehe mich um und sehe in den finsteren Teil des Parks hinein. Ich versuche, im Dunkeln eine
Bewegung zu erkennen, was mir aber nicht gelingt. Meine Sinne sind angespannt, denke ich und drehe mich wieder nach vorne. Ich erschrecke.
Keine 3 Meter von mir entfernt steht die blonde Gullveig und lächelt mich an.
„Hast du dich erschreckt? Das wollte ich nicht, entschuldige“ sagt sie.
„Ist schon in Ordnung, ich dachte nur, ich habe hinter mir etwas gehört“ sage ich.
„Wird wohl en Eichkätzchen gewesen sein“ sagt Gullveig.
„Darf ich mich setzen?“
„Natürlich, nimm Platz“ antworte ich.
Verstohlen schaue ich sie von der Seite an. Sie sieht so unglaublich aus, aber das richtige Wort
für ihr optisches Erscheinungsbild will mir nicht einfallen.
Rein und klar, das wären die Wörter, mit denen man sie beschreiben könnte.
„Weißt du was meine Gabe ist?“ fragt Gullveig und dreht dabei den Kopf und sieht mich mit tiefgrünen Augen an.
„Irgendetwas Keltisches?“ antworte ich und ärgere mich sogleich über diese doofe Äußerung.
„Ich bin eine Seherin, ich kann erkennen, wie der Mensch tief in seinem Inneren wirklich ist, welche Stärken er hat und auch welche Aufgaben ihm noch in seiner Zeit bevorstehen werden.
Soll ich einmal in dich hineinsehen?“ fragt sie.
„Wenn es nicht wehtut“ antworte ich. Hmpf, und wieder so eine blöde Antwort.
Sie lächelt, „Es wird nicht wehtun, zumindest nicht körperlich, dass verspreche ich dir.“
Sie nimmt meine Hand und schließt die Augen.
Nach ein paar Augenblicken des ruhigen entspannten Atmens fängt sie an zu erzählen.
„Du bist ein interessanter Mensch. Du hast viele verborgene Talente, aber auch große Ängste in dir.
Deine Vergangenheit verfolgt dich, nein, nicht nur deine. Die deiner ganzen Familie. Oh, interessant du hattest einen Zwerg in deiner Familie.“
Das ist der Zeitpunkt wo mir mulmig wird.
Aber Gullveig hört nicht auf, sondern fährt fort.
„Dein heutiges Erscheinen ist das erste in einer Reihe von zukünftigen Treffen mit Wissenden.
Den einen hast du bereits einmal getroffen, aber du wirst ihn wiedersehen.
Oh!“ Sie stockt kurz und fährt dann mit einem überraschten Tonfall fort, „du bist erwählt zurückzukehren, wenn du es wünscht. Denn du stammst von einem ehrwürdigen Volk ab.“
Tun wir das nicht alle?“ frage ich.
Gullveig öffnet ihre Augen und schaut mich tiefgründig an, dann sagt sie: „Du hast recht, im Grunde nach ja, aber bei normalen Menschen ist ihre Herkunft meist bis zur Unkenntlichkeit verwaschen, bei dir ist sie nahezu frisch. Erst wenige Generationen alt.
Der Zwerg, dein Vorfahr, von wo stammte er ursprünglich?“
„Das weiß niemand,“ antworte ich, „nicht mal er selbst hatte es gewusst.“
„Interessant, deine Geschichte. Du bist interessant. Eigentlich noch viel interessanter als deine Bilder mit den geheimnisvollen Buchstaben.“ 7
Mit einem rätselhaften Lächeln auf den Lippen schließt sie wieder ihre Augen, nach einer mir schier endlos langen Zeit sagt sie dann:
„Du könntest eine große Aufgabe zugeteilt bekommen, wenn du dich als würdig erweist.
Hier verliert sich das Bild in einem Schleier, da es nicht klar ist, wie du dich entscheiden wirst.“
Sie öffnet wieder Ihre Augen.
Mir ist plötzlich sehr kalt, und ich fühle mich etwas überfordert.
Anscheinend merkt Gullveig meine Unsicherheit. Sie beugt sich zu mir und umarmt mich.
Als sie mich hält, flüstert sie mir in mein Ohr. Und ich weiß noch heute, als ob es gestern gewesen war, die Kunst ihrer Worte.
„Johannes, du hast eine immense Kraft in dir. Du bist auserwählt, etwas ganz Besonderes zu erfahren.
Wenn du es möchtest und dein Schicksal dir deinen Weg zeigen darf, werden sich dir Dinge eröffnen, von denen du bis heute nicht einmal zu träumen gewagt hast. Dieser Weg wird jedoch nicht einfach, sondern ausgesprochen schwierig werden.
Wenn du es nicht möchtest, ist es auch gut. Grundsätzlich ist es nämlich egal, wie du dich entscheidest. Die Hauptsache ist jedoch“, hier machte sie eine Pause und holte tief Luft,
„du entscheidest mit deinem Herzen und nicht mit deinem Verstand.“
Sie löst die Umarmung, gleitet von der Bank und schwebt, ohne sich noch mal umzudrehen, davon.
,….. und lässt mich verwirrt zurück.